Haray, ein Portrait

Eine Installation im und für den öffentlichen Raum
von DON YOSÉ Y MARTÌN

Wir, das unerschrockene Team Don Yosé y Martìn, stießen auf einen fundamentalen Irrtum Platons. Platon dachte, dass die Menschen aus ihrer Höhle heraus wollen, um die ewigen Wahrheiten schauen zu können. Wenn wir aber unseren Feldforschungen Glauben schenken wollen, dann sehen wir beim statistischen Durchschnittsmenschen eine sehr interessante und geradezu gegenläufige Tendenz. Nämlich, dass er – immer dann, wenn ihm die ganze Welt so richtig auf den Nerv geht – sich am liebsten in die Toilette, also den stillsten Winkel seines Universums zurückzieht, um sich dort des Weltendrucks zu entledigen und um sich selbst vor Augen zu führen, was man denn von all dem zu halten hat. Auf den Punkt gebracht: Der statistische Durchschnittsmensch sehnt sich zurück in seine Höhle, sowohl im evolutionären als auch biologisch-physischen Sinn. Wir wagen sogar zu behaupten, dass der Lokus als genetisch verursachte Metapher für den pränatalen Superzustand im Uterus steht. Somit war für uns auch eindeutig klar, dass sich der Mensch einen aus organischem Material bestehenden Ort zum Ruckzug wünscht. Und nichts kommt dem näher als ein holzgefertigtes Plumpsklo, wie es früher in ländlichen Gegenden überaus beliebt war. Aus dieser Intention heraus bauten wir für unser dadAktacave Projekt ein solches Häusl nach. Eines mit ausgeschnittenem Herz an der Eingangstür, damit diejenigen Probanden die schon auf Lichtnahrung umgestiegen sind, ihre Nahrung durch das Herz aufnehmen können. Im Häusl selbst gibt es 24 Stunden Internetzugang. Es hat sich allerdings bereits herausgestellt, dass das eigentlich zuviel für den statistischen Durchschnittsmenschen ist. Er will ja vor allem nicht durch Nachrichten über Katastrophen und politischen Fehlentscheidungen – also etwas, das er sowieso nicht ändern kann – vom sozialen Networking, im Besonderen der Partnersuche eines ihm wunderbar ergänzenden Avatars, abgehalten werden. Deshalb sollte diese Welt, die er sich ins innerste seines Häusls holt – nein besser, sie muss eine von naturbedingten Fehlern vorbereinigte Welt sein. Eine mit mathematischer Sicherheit berechenbare und einzig wahre Wunderwelt. Eine algebraische Welt, eine Welt der Arithmetik und der Algorithmen, eine Welt wie es sich vielleicht nicht einmal die Pythagoreer in ihren wildesten träumen erträumt haben. Aus diesem Grunde versuchen wir mit der dadAktacave Forschung einen avantgardistischen Humanismus zu proklamieren, der direkt auf die wahre, persönliche Eudämonie abzielt. So besteht unsere Aufgabe jetzt darin, Bedingungen zu schaffen, damit der User in seiner ganz persönlichen, virtuellen Kunstwelt größtmögliche Glückseligkeit erfährt ohne jemals wieder aus dieser seiner Illusion heraus zu wollen – also Ewigkeiten in seiner neuhedonistischen Vornirwanaumlaufbahn verbringen kann.

Zum Glück sind wir im Verlauf unserer Forschungstätigkeit auf den Hasen Haray gestoßen. Haray hat die besten Voraussetzungen. Er ist der optimale Proband, da er überhaupt keinen Bewegungsdrang mehr verspürt, keine Nahrung zu sich nehmen muss und auch genital die notwendige Virtualität mitbringt. Schließlich besteht er bereits zu einhundert Prozent aus Kunststoff. Somit können und möchten wir quasi als Prozessschnitt der dadAktacave Forschung das Status quo in Form eines Kurzportraits unseres freiwilligen Hasen Haray präsentieren.

Da sitzt Haray nun in seinem Häusl, heimelig aufgehoben unter Blinklichtern und Lüftergeräuschen, wohlig bestrahlt vom zartblauem Schein des Bildschirms, des Fensters zur Welt, der Internetanschluss als Lebensader dieses fragilen Idylls, die Nabelschnur zum (übrigens von Neil Stephenson in „Snow Crash“ trefflich vorausgezeichnetem) Metaversum.

Haray ist nett, mag es mit anderen zu kommunizieren, er versteht sich als Freund der Künste und versucht sich rundum darin, das nette Häschen im Plüschbau zu sein, welches er augenscheinlich auch ist. Sehnen wir uns nicht alle nach einem Hasenleben, wie Haray es führt; - nach der Stille, der Ruhe mit uns selbst, der stufenlos dosierbaren Gesellschaft in herrlicher Distanziertheit und Unverbindlichkeit? Gestehen wir es uns ein, wir sind ihm sein Höhlendasein neidig, da es uns aus dem selben Ur-Verstand, den wir argumentativ in Haray gern wirkend wüssten, eine neue Dimension unserer Existenz, eine Evolution unserer selbst verspricht. Damit ist Haray auch der Gipfelstürmer postmoderner Gesellschaftsethik, - schön objektiv und wohlgesonnen, doch engagiert nur nach eigenem Ermessen. Und suchen wir nicht schon seit jeher, mit all unseren Bestrebungen in Technik, Philosophie, den Wissenschaften, ja in all unserem Vorwärtsdrängen, den Ausweg aus diesem Wirrwarr aus Unannehmlichkeiten und Risiken? Suchen wir nicht die Sicherheit, die Beständigkeit, unseren ganz privaten Locus?

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